Unser Haus um 1938
Der erste Gartenzaun wurde im Krieg von einem Panzer überfahren. Nachher hatten wir einen sehr schönen schmiedeeisernen Gitter. 
Ich erinnere mich an die grossen Nussbäume die den ganzen Garten überschatteten.
Grossmutter erzählte mir voller stolz, unser Haus sei damals das grösste im Ort gewesen. Sie neigte immer schon zu Übertreibungen. Die grosse Villa, das "Schloss", welches im Sozialismus als Post diente, war grösser gewesen! Ansonsten hatte sie im grossen und ganzem Recht. Es gab noch viele traditionelle Bauernhäuser mit Schilfdächern. Wenige sind noch erhalten. Für damalige Verhältnisse galt unser Haus als sehr gross. Die schöne Jugendstilfassade habe ich nicht mehr gesehen.

Eines Tages liess meine Grossmutter die Haustüre zumauern und an eine andere Mauer versetzen. Grossvater erzählte sie ´selbstverständlich´ nichts davon. Als er am Abend von der Arbeit heimkam, fand er die Eingangstür nicht.
Im Zimmer ganz rechts wuchsen Gyuri und Tanti auf. Hier wurde mein Vater geboren. Meine Eltern haben hier auch gewohnt. In diesem Bett lag meine Urgrossmutter.
Es war ein gemütliches Heim.
Grossmutter erzählte mir:
1944 kam die Rote Armee. Unsere russischen Gäste füllten die Schweinetröge mit Weltliteratur und setzten sie unter Wasser. Sie füllten alle verfügbaren Wasserbehälter. Grossmutter erinnerte sich mit Entsetzen an die aufgeblähten Samteinbände der gesammelten Werke von Alexander Petöfi, dem ungarischen Nationaldichter. ´Sie blähten sich fürchterlich auf, waren richtig rund geworden und schwammen ganz oben.´ Ein grosser Teil unserer Familiendokumente ging verloren. Ich besitze zwei Fotoalben meiner Grossmutter die augenscheinlich mal im Wasser lagen.

Das Haus stand eine Zeit lang leer. Fremde Leute gingen ein und aus und plünderten. Der Militärsäbel meines Grossvaters kam auch abhanden. Grossmutter verpackte ihre teuren Kleider aus Paris in einem grossen Koffer. Alle fein säuberlich in Packpapier eingewickelt. Den Koffer stellte sie oben auf den Schrank. Einer nahm den ganzen Koffer mit. Eine Zeit lang kam es nicht selten vor, dass ihnen junge Damen in ´ihren´ Kleidern auf der Strasse entgegenkamen. Die Russen pflegten mit Seidenwäsche zu ´zahlen´.

Als Grossmutter und Tanti aus Altersgründen das Haus verkauften und nach Budapest zogen, gab es nirgendwo genügend Platz für unsere über 5000 Bücher. Viele wurden verkauft. Leider blieben alte Simplizissimus und andere seltene alte Werke auf dem Dachboden liegen. Die restlichen Bücher füllten bei uns die Bücherregale in dreierreihen! Das selbe Platzproblem trat auf, als wir nach Österreich zogen. Vater verschenkte die deutschen und die englischen Bücher an Freunde.
Im Krieg platzte eine Bombe in der Nähe und die Kinder wurden von der Druckwelle weggeschleudert. Zum Glück passierte ihnen nichts. Nur die Kaninchen flogen durch die Luft.

1980
Tanti, mein Cousin David und ich.

Ich war ein sehr ´gebildetes´ Kind: Ich erbaute Sandburgen in verschiedenen Stilrichtungen: Römisch, Gothisch und Barock. Renaissance und Klassizismus waren mir als Kleinkind gänzlich unbekannt. Ich muss mir aber ehrlich eingestehen, dass ich die verschiedenen Stilrichtungen nur aus alten schwarzweiss Dracula-Schinken und der ekklektizistischen Architektur von Budapest kannte. Ich mischte die Türme des von Gustave Eiffel entworfenen Budapester Westbahnhofes mit mittelalterlichen Zinnen und Neobarocken Kuppeln. Stilreinheit war mir nur intuitiv ein Begriff.

Ich verstand nicht, warum andere Kinder nur banale Sandhaufen bauten die sie als ´Sandburgen´ ausgaben! Die ´Anderen´ konnten einen ordinären Haufen Sand nicht von einer echten Burg unterscheiden. Sie konnten höchstens zerstören, aber nichts erbauen. Wir hatten viel Spass in der Sandkiste, doch es ärgerte mich, dass ich bei Kriegsspielen immer nur auf architektonisch wertlose Sandhaufen schiessen konnte, während ich meinen Spielkameraden wahre Kunstwerke als Zielscheibe bot! Deshalb machte es mir auch nie etwas aus alleine zu spielen.

Einmal gruben wir ganz tief in die schwarze Erde unter der Sandkiste herab (Ich schreibe dies und fühle die kühle, nasse Erde zwischen den Fingern.) und wir fanden alte Patronen. Damit schmückte ich die hohen Dächer meiner Burg. Grossmutter segelte aus der Küche und nahm sie uns alle weg. Wir wussten doch, dass sie nicht mehr scharf waren.

Ich habe mir damals folgendes vorgenommen: ´Wenn ich mal gross bin, werde ich meine eigene Sandkiste haben!´ Ich habe dieses heilige Versprechen, den ich mir damals gab, nicht vergessen! Lieber Leser, mal ganz ehrlich, ist es nicht viel vernünftiger seiner Kreativität und Phantasie freien Lauf zu lassen, als sich wie ein ´Erwachsener´ zu benehmen und auf dem Couch vor dem Fernseher zu verschimmeln?! Sehr geehrter Leser! Wenn Sie mir unrecht geben, sind Sie ein Esel!
Mein Geburtstag bei Grossmutter
Die Wochenenden verbrachten wir bei Grossmutter auf dem Land.
Die gemeinsamen Mahlzeiten waren eine Freude! Grossmutter machte den besten ´Langos´ der Welt. Ihr Langos war ein ´internationaler´ Begriff. Ich freute mich auf die Heimreise nach Ungarn. Manchmal kam sie heraus zu uns und steckte mir eine gekochte Kartoffel in den Mund. Dass eine gekochte Kartoffel so gut schmecken kann! 
Ich mit meinen Cousins
Ich, David, Márk

1982

mit David
Grossmutter und Tanti tauschten das Haus gegen eine kleine Plattenbau-Wohnung in Budapest. Mir tat es sehr leid um das alte Haus. Die neuen Besitzer waren banale ´junge´ Leute, denen meine Tante ansah, dass sie sich freuten den beiden ´alten Schachteln´ das Haus günstig abgeworben zu haben.

Das Haus verfiel rasch unter den neuen Besitzern. Der Garten verwilderte. Grossmutter erzählte mir entsetzt, dass die neuen Bewohner bereits nach kurzer Zeit das Schloss der schönen schmiedeeisernen Gartentüre ruiniert hätten. Jahre später, nach Abriss des baufälligen Hauses, gelangten die schmiedeeisernen Gitter in Besitz der Stadtverwaltung. Tanti fragte den Bürgermeister, ob sie sie für das Haus ihres Sohnes haben könne. Man erinnerte sich an Grossmutter, an die alte Lehrerin, und ´wir´ erhielten sie zurück.

Eines Tages stürzte die Decke des längst zugemauerten und vergessenen Kellers ein. Als das Haus abgerissen wurde, fand man noch einen Stapel fein säuberlich geschlichteter Handgranaten im Keller. Einen Stapel antiker Karotten links, einen Stapel antiker Handgranaten rechts. Onkel Georg wird sie in seiner wilden Jugend dort gelagert und vergessen haben. Sie wurden vom Militär entschärft.

Es war nicht das erste Mal, dass man bei uns Munition im Garten fand. Im Krieg wurde in unserem Garten geschossen. Bei Gartenarbeiten fanden sich immer wieder scharfe Bomben. Grossmutter liess sie routinemässig vom Militär sprengen. Im nachhinein betrachtet wundere ich mich, dass nie wer zu Schaden kam. Ich empfand damals nicht die geringste Spur von Gefahr. Es war eine schöne Zeit!

An der Stelle unseres Hauses führt heute eine Strasse zum neuen Sportplatz.


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