.
Mein Grossvater fing um 1930 bei der Schifffahrt an. Im Bürohaus gab es einen alten Amtsdiener, verdienter Kriegsveteran (unkündbar) und passionierter Griesgram, der immer zu allen Angestellten unfreundlich war. Er machte sich einen Sport draus sich bei allen Mitarbeitern unbeliebt zu machen. Wenn man ihn um etwas bat, grunzte er nur, dass es einem kalt den Rücken herunterlief: ´Geht nicht! Kann man nicht! Hamma net! Wiederhörn!´ Er legte nicht mal seine Zeitung beiseite! Nur meinen Grossvater liebte er innig und riss sich jedesmal fast einen Bein aus, wenn er was wollte: ´Natürlich Herr Szabó! Kein Problem! Hamma gleich! Schonen Sie ihre jungen Beinchen Herr Oberleutnant. Ich geh schon.´ Ihm tat er jeden Gefallen! Grosspappa gegenüber war er richtig väterlich. Wenn die Leute morgens zur Arbeit kamen, streifte er sie nur mit einem giftigen Blick über die Zeitung. ´Der schon wieder!... Tz!´ Nur bei Grossvater lächelte er seelig und lüftete den verbeulten Hut. Die Kollegen wunderten sich über alle massen: ´Was hat er dem Alten zu Fressen gegeben!?´

Um seine Tochter immer in seiner Nähe zu haben, brachte er sie in eine Schule ganz in der Nähe seines Arbeitsplatzes unter. Sie wurde versehentlich in eine Schule für jüdische Kinder eingeschrieben. Sie blieb bis zum Krieg die einzige nichtjüdische Schülerin.
.
1944 marschierten die Deutschen in Ungarn ein. Mein Grossvater musste als ungarischer Repräsentant der Tschechoslowakischen Donauschiffahrt auch mit den deutschen Besatzern verhandeln. Er mochte die Nazis nicht. Er empfing die Besatzer in seinem eleganten Büro und erklärte ihnen freundlich in ausgezeichnetem Ungarisch, dass er, so entsetzlich leid es ihm auch täte, die deutsche Sprache leider nicht beherrsche. Nach einem freundlichen Kaffeeplausch komplimentierte er seine verblüfften Besucher wieder hinaus. Irgendwann gelang es dem Vorstand zu Ohren, dass der Repräsentant überhaupt keine Sprachen beherrsche. Sie machten Grossvater verärgert darauf aufmerksam, dass er gefälligst die Sprachen sprechen solle wofür er sein Gehalt beziehe. Seine politischen Ansichten möge er für sich behalten!

Grossvater sprach in Wirklichkeit deutsch, englisch, französisch, ungarisch, tschechisch, slowakisch, ein wenig russisch und las latein.
Grossvater grinsend
Ganz am Ende des Buches ´Österreich II´ von Hugo Portisch findet man einen kurzen Absatz über die Rolle der Donauschifffahrt zur Kriegsende. Es wird eine Aktion genannt wo die ganzen Lastschiffe der Donau, die die Strecke zwischen Wien und Rumänien befuhren, vor den Deutschen in Sicherheit gebracht wurden. Herr Portisch geht nicht näher auf diese Aktion ein. Die Namen der Akteure werden nicht genannt. Die Donauschiffe lagen bei Kriegsende in Oberösterreich auf der amerikanischen Seite vor Anker.

Die als Grundlage für ´Österreich II´ verwendeten Dokumente stammen aus den National Archives in Washington. Sie behandeln nur die Ladung der Schiffe und was nachher damit geschah. Diese Dokumente gehen leider nicht auf die vorhergehenden Ereignisse, wie die Schiffe nach Österreich kamen, ein. Der amerikanische Hochkommissar für Österreich General Mark Clark liess die Ladung dieser Schiffe beschlagnahmen, ehe er der Rückkehr der Schiffe in ihre Ursprungsländer zustimmte. Die Ladung der vollbeladenen Schiffe trug ganze 2 Jahre lang nach Kriegsende wesentlich zur Ernährung der wiener Bevölkerung bei!

Grossvater war damals genau für die Strecke ´Mitteldonau´ zwischen Bratislava und Rumänien zuständig. Grossmutter gab mir Grossvaters Bericht über diese spezielle Aktion wieder. Sie erzählte mir lakonisch, wie die ganzen Schiffe den Deutschen ´vor der Nase´ weggefahren wurden! Grossmutters Bericht ist ungenau. In der Tat wurden einige Schiffe weggebracht. Die Mitarbeiter der in Ungarn ansässigen Schifffahrtsgesellschaften sabotierten den Abtransport der Schiffe ins Dritte Reich. Laut einem Dokument, den der ehemalige Direktor der DDSG mir persönlich überreichte, waren die Ungarn den Deutschen gegenüber alles andere als kooperativ. Am Ende wurden die meisten Schiffe zwar Richtung Deutschland in Bewegung gesetzt, aber der Wintereinbruch verhinderte ihre Ankunft!
1956 wurden (alle?) ungarischen Mitarbeiter der Tschechoslowakischen Donauschifffahrt entlassen. Er hätte nur noch zwei Jahre bis zu seiner Pensionierung gehabt! Mein Grossvater wollte sich diese Schweinerei nicht gefallen lassen und führte einen aussichtlosen Prozess, den er leider verlor. Im Kommunismus konnte man gegen einen Staat nicht gewinnen. Unten ein handschriftlicher Notiz zum Prozessverlauf.

Die Nachfolgerin der Tschechoslowakischen Donauschifffahrt behauptet, dass alle Dukumente aus der Zeit vernichtet wurden. Ich glaube ihnen. Der ehemalige Direktor drückte mir sein Bedauern aus. Die Dokumente wurden sicher nicht ohne Grund entsorgt.

Grossvaters Nachfolger wurde ein ´verdienter Parteigenosse´. Meine Grossmutter erzählte mir mit Genugtuung über folgende Begebenheit. Grossvater´s Nachfolger soll nicht sehr kompetent gewesen sein. Es gab eine Flut. Die Donau trat über die Ufer und drohte die Bürogebäude am Hafen zu überschwemmen. Der neue Direktor liess die Eingänge mit Sandsäcken zumauern. Das half natürlich nichts und bald schwamm die ganze Büroeinrichtung im Wasser. Es soll ein unglaublicher Anblick gewesen sein! Man wusste keinen Rat und sah sich genötigt meinen Grossvater um Hilfe zu bitten. Er überblickte die Lage, lachte sich ins Fäustchen und liess die gefährdeten Räumlichkeiten evakuieren. Eine andere Möglichkeit gab es nicht.
Notiz zu Grossvaters Prozess 1956
Dieser Zettel blieb als einziger Zeuge des Prozesses zwischen den Blättern eines Buches erhalten. Die Akten liegen am Gericht.


Meine Familie

Befreundete Familien

Home